Können handelsübliche Präventionsmaßnahmen die Wildunfallzahlen senken? Der ADAC Schleswig-Holstein und das Institut für Wildbiologie in Göttingen wollten das genauer wissen.

Christian Trothe ist Forstwirt und Jäger, er kennt sich aus mit dem Wild und seinen Wegen und weiß um die Gefahren am Landstraßenrand. Als er vor sieben Jahren anfängt, Unterstützer für ein Forschungsprojekt zu Wildunfällen zu suchen, wird er beim ADAC Schleswig-Holstein fündig. Ein Flächenland, vielerorts landwirtschaftlich geprägt, ohne große urbane Ballungsgebiete und überall mit einem gesunden Wildbestand: Viele Landkreise bieten den Forschern genau das für ihre Untersuchungen benötigte Terrain.

Riecht für den Menschen stark nach Fuß: Dieser Duftzaun soll Tiere von der Fahrbahn fernhalten

Mithilfe der örtlichen Kreisjagdverbände bringt das Forschungsteam an elf Abschnitten verschiedener Bundesstraßen, fünf Landes- und sechs Kreisstraßenrändern einfache handelsübliche und kostengünstige Mittel an, die das Wild an diesen Stellen abschrecken sollen. 13-mal kommen blaue Halbkreisreflektoren an die Leitpfosten – das Wild nimmt die Farbe Blau als sehr hell und damit als Warnfarbe wahr –, neunmal ein so genannter Duftzaun zum Einsatz. Der riecht für den Menschen stark nach Fuß, für die Tiere beinhaltet die mattgelbe Masse die Summe aller Gerüche, vor denen sie am liebsten Reißaus nehmen. Die Jäger selbst erneuern diesen Duftzaun während der Versuchsphase immer wieder, um eine Auswertung mit belastbaren Daten zu ermöglichen.

 

Bis zu 90 Prozent weniger Unfälle
Und die Ergebnisse haben es in sich: „Der Duftzaun brachte eine Verringerung der Unfallzahlen zwischen 30 und annähernd 90 Prozent, etwa entlang der Kreisstraße 53. Beim blauen Reflektor konnten wir eine Senkung von im Schnitt mehr als 50 Prozent bilanzieren“, so Christian Trothe vom Göttinger Institut für Wildtierbiologie. Angesichts von 15.164 Tierkollisionen im Jahr 2016 in Schleswig-Holstein wird schnell klar, das sind keine Kleinigkeiten.

Blaue Reflektoren reduzieren die Anzahl an Wildunfällen um bis zu 50%

Gewöhnungseffekte beim Wild oder eine Verlagerung der Unfallorte seien nicht belegbar, so der Experte. Und er räumt gleich noch mit dem Vorurteil auf, das Wildunfallgeschehen konzentriere sich auf Frühjahr und Herbst: „Unsere Auswertungen haben ergeben, dass es zwischen den Jahreszeiten keine relevanten Unterschiede bei den Wildunfallzahlen gibt.“ Vorsicht sei also immer geboten, egal ob während der Brunft gerade die Kämpfe um die Hirschkühe tobten oder die Wildschweine ihren Frischlingen das Revier zeigten. Viel wichtiger ist die Tageszeit: Je nach Wildart passieren zwischen 60 und 70 Prozent der Unfälle in der Morgen- und Abenddämmerung.

Am wichtigsten bleibt der Mensch
Und was ist nun das Fazit des fünfjährigen Versuches? „Wir haben wissenschaftlich belastbare Daten, die belegen, dass Duftzaun und Halbkreisreflektor die Wildunfallzahlen erheblich verringern können, wenn man eine genaue Kenntnis der Flure, der Anzahl und der wichtigsten Wanderrouten von Hirsch, Reh und Wildschwein hat“, resümiert Trothe. Am Ende der Maßnahmen- und Reaktionskette jedoch steht immer der Autofahrer. „Wildunfälle lassen sich am effektivsten dadurch vermeiden, dass er seinen Fahrstil den Straßenrandverhältnissen anpasst und auf der Landstraße noch ein Stück aufmerksamer ist als sonst“, weiß Trothe. Denn auch Duftzaun und blaue Reflektoren bieten eben keine hundertprozentige Sicherheit.

Autor: Ulf Evert
Bilder: ADAC e.V.